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Hallo, ich heiße Oliver und bin ein Language Specialist für das Gengo-Sprachenpaar EN-DE. Von Beruf bin ich Schriftsteller, und daher ist es für mich geradezu perfekt, dass ich bei Gengo einer Tätigkeit nachgehen kann, die meiner Freude am Arbeiten mit Sprache so wunderbar entgegenkommt.

Ich möchte über die nächsten Monate in lockerer Folge auf Dinge eingehen, die mir bei GoCheck-Überprüfungen auffallen. Häufig auftretende Fehler stehen dabei im Mittelpunkt, aber auch stilistische Fragen und die vielfältigen Schwierigkeiten und Zweifelsfälle, mit denen Übersetzer sich oft konfrontiert sehen, werden dabei eine wichtige Rolle spielen. Ich hoffe, damit Anregungen und Hilfestellungen bieten zu können.

In diesem ersten Posting jedoch möchte ich mich noch nicht auf ein bestimmtes, eng umrissenes Thema konzentrieren. Stattdessen würde ich gerne ein wenig auf allgemeinere Aspekte des Übersetzens eingehen – und auf die Probleme, die damit verbunden sind.

Am Anfang steht eine Frage, die so grundsätzlich ist, dass sie leicht als banal missverstanden werden kann: Was übersetzt ein Übersetzer? Man kann rasch verleitet sein, mit aller Selbstverständlichkeit „Wörter“ oder „Sätze“ zu antworten. Doch damit hätte man sich bereits irreführen lassen. Tatsächlich übersetzen wir keine Wörter oder Sätze, sondern Ideen – Gedanken und Konzepte, denen mit Hilfe der in einer bestimmten Sprache zur Verfügung stehenden Mittel Ausdruck verliehen wurde. Und wir stehen dann vor der Aufgabe, diese Ideen aus dem uns vorliegenden Text zu erschließen und ihrem Gehalt nach so getreu wie möglich in einer anderen Sprache erneut zu formulieren.

Dabei kann man natürlich auf allerlei Hindernisse treffen. Beispielsweise kommt es vor, dass es für einen Ausdruck, der in der einen Sprache ein bestimmtes Konzept beschreibt, in der anderen Sprache kein Äquivalent gibt. Beispielsweise hieß es in der Originalfassung eines Dankes an eine Mutter:

 

EN-Ausgangstext: „You are beautiful and soft around the edges but you are as strong as steel.“

DE-Übersetzung: „Du bist schön und auf charmante Art unberührt, aber auch stark wie Stahl.“

Korrektur: „Du bist schön und sanft, aber auch stark wie Stahl.“

 

Wie sollte man die Wendung „soft around the edges“ hier übersetzen? Ihr Sinn mag sich zwar ungefähr erschließen, aber ein treffendes, prägnantes Gegenstück existiert im Deutschen nicht. Der mit dieser überraschend komplizierten Hürde konfrontierte Übersetzer versuchte sein Glück mit „auf charmante Art unberührt“, was allerdings sowohl inhaltlich wie auch stilistisch unbefriedigend ist. Hier wäre es sinnvoll, sich auf die Absicht des Verfassers zu besinnen: Ein kontrastierendes Gegenstück zu der am Satzende genannten Willensstärke zu bieten. Das ließe sich mit dem Wort „sanft“ erreichen. Zwar ist die Bedeutung nicht deckungsgleich mit „soft around the edges“, aber die inhaltliche Intention des Originaltextes wird gewahrt. Natürlich könnte man die Bedeutung des Ausdrucks mit einer wortreichen Umschreibung sicherlich eingehender erfassen, aber dadurch würde der Text so schwerfällig werden, dass er seinen Zweck nicht mehr erfüllt.

Das richtige Erkennen und Vermitteln der Idee, die kommuniziert werden soll, ist also außerordentlich wichtig. Aber ein Übersetzer übersetzt noch etwas anderes, das oftmals schwerer greifbar ist: Eine Stimmung.

Das mag recht vage und klischeehaft klingen, tatsächlich aber handelt es sich dabei um eine sehr reale Herausforderung. Wie ein Text verstanden wird, hängt auch sehr davon ab, welche sprachlichen und stilistischen Mittel der Verfasser einsetzt und welche Stimmung dadurch erzeugt wird. Ein einfaches Beispiel hierfür ist im Deutschen die Anredeform – man kann die Stimmung und somit die Wirkung eines Textes merklich verändern, indem man den Leser duzt statt ihn zu siezen. Das Duzen soll – stark vereinfacht ausgedrückt – Vertraulichkeit, Kommunikation auf Augenhöhe und Ungezwungenheit implizieren, das Siezen hingegen Respekt, Wahrung von Distanz und Professionalität. Aber im Englischen, das nur eine Anredeform kennt, werden andere sprachliche Mittel eingesetzt, um vergleichbare Effekte zu erzielen. Beim Übersetzen ist es daher wichtig, diese Mittel zu erkennen und zu entscheiden, auf welche Weise man der deutschen Fassung eine vergleichbare Wirkung verleihen kann. Dabei ist Fingerspitzengefühl erforderlich. Zum Beispiel weisen englische Texte oftmals zahlreiche Höflichkeitsformulierungen auf, mit denen Respekt und Wertschätzung für den Leser zum Ausdruck gebracht werden sollen. Im Deutschen hingegen würde ein bedeutender Teil dieser Funktion bereits durch das Siezen des Lesers erfüllt, so dass die zusätzliche Berücksichtigung sämtlicher Höflichkeitsformeln durch Verwendung entsprechender deutscher Gegenstücke übertrieben und möglicherweise sogar unaufrichtig wirken kann.

Ein Beispiel aus diesem Gebiet:

 

EN-Ausgangstext: „Sorry! This area is too large.“

DE-Übersetzung: „Sorry! Dieser Bereich ist zu groß.“

Korrektur: „Leider ist dieser Bereich zu groß.“

 

Im Deutschen hat „Sorry“ anders als im Englischen einen definitiv umgangssprachlichen, sehr lockeren Klang (den der Kunde zudem ausdrücklich nicht wünschte). Die Stimmung, die der Originaltext an dieser Stelle vermitteln soll, wurde nicht korrekt erkannt, weil der Übersetzer irrtümlich davon ausging, dass der englische Ausdruck und der davon abgeleitete deutsche Anglizismus deckungsgleich seien.

Diese Beispiele stellen natürlich nicht einmal die Spitze des Eisbergs dar. Eine unüberschaubare Vielzahl von Faktoren und kulturellen Aspekten kann die Stimmung – und auch die Aussage – eines Textes beeinflussen. Um sie erkennen und bewerten zu können, benötigt man nicht selten Begleitwissen, das über bloße Sprachkenntnisse hinausgeht. Selbst in einem an der Oberfläche einfach und eindeutig erscheinenden Text können so manche Überraschungen lauern. Wenn man etwa mit einer am britischen Englisch ausgerichteten Sichtweise an einen Text herangeht, in dem sich der Verfasser verärgert über die Verwendung des Adjektivs „oriental“ äußert, dann ist das zunächst schwer verständlich, weil dieses Wort auf den Britischen Inseln einfach nur als unverfängliche geographische Zuordnung verstanden wird. In den USA hingegen gilt es weithin als rassistisch. Erst mit derartigem Wissen ist es möglich, die Intention des Verfassers einzuordnen und die Übersetzung entsprechend auszurichten. Weit gefächerte Kenntnisse über Mentalitäten und kulturelle Hintergründe können einem Übersetzer ungemein wertvolle Dienste leisten.

Auch hierfür ein Beispiel:

 

EN-Ausgangstext: „Welcome to the Regency House Party.“

DE-Übersetzung: „Willkommen bei der Regency-Übernachtungsparty.“

Korrektur: „Willkommen bei der Regency-Abendgesellschaft.“

 

Eine heutige „house party“ ist tatsächlich insbesondere im amerikanischen Englisch eine Übernachtungsparty. Doch in diesem Text ging es um ein Fest im Stil der britischen Regency-Ära des frühen 19. Jahrhunderts, also um eine elegante „Abendgesellschaft“, die weit entfernt ist von einer amerikanischen Party mit Pizza. Ein solches Beispiel zeigt, dass kulturelles Wissen abseits des reinen sprachlichen Könnens für einen Übersetzer von erheblicher Bedeutung sein kann.

Am Anfang einer guten Übersetzung steht also das Verstehen. Das Verstehen der Idee, die vermittelt werden soll; das Verstehen der Stimmung, die der Originaltext in sich trägt; und das Verstehen der Hintergründe, die zur treffenden Interpretation erforderlich sind.

Ich hoffe, diese grundsätzlichen Überlegungen erweisen sich als hilfreich oder anregend. In der kommenden Zeit möchte ich dann fortfahren, indem ich in weiteren Beiträgen vorwiegend aktuell auftretende Fehler und Probleme behandle – und Kommentare sind mir natürlich sehr willkommen.

1 comment

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    Heike S.

    Lieber Oliver, vielen Dank für diesen interessanten Beitrag! Ich freue mich auf mehr.

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